Dass mit Martin Wessels bei «See-Wandel-Klima» ein Geologe mitarbeitet, mag erstaunen, bringt man das Fachgebiet Geologie doch nicht unbedingt mit der Erforschung von Seen in Verbindung. Doch Seesedimente können als «Gedächtnis des Sees» wichtige Informationen zu Umweltveränderungen liefern. Martin Wessels jedenfalls findet das Großprojekt «ungemein spannend». Es führe ihn, so sagt er, zurück zu seinen wissenschaftlichen Anfängen am Bodensee. «Ich habe mich schon damals mit Umweltveränderungen im und um den See befasst sowie mit der Häufigkeit von Hochwasserereignissen.»
Doch seither, so Wessels, habe sich die Wissenschaft rasant weiterentwickelt: «Die modernen Methoden erlauben uns heute ungeahnte neue Einblicke in die natürlichen Klimaveränderungen und zeigen, wie diese mit der Ökologie im See interagierten. Wir machen uns diese neuen Möglichkeiten zu Nutze, um mit Hilfe von Sedimentanalysen die aktuellen, durch den Menschen verursachten, klimatischen Veränderungen besser einordnen zu können.» Der Geologe hat über die Sedimente im Bodensee promoviert – und dabei eine Faszination dafür entwickelt, wie das über Jahrtausende am Seeboden abgelagerte Material die Veränderungen der Umwelt abbildet und als Archiv der Seengeschichte dienen kann.
Gestiegenes Interesse der Öffentlichkeit
Seit 2001 ist Martin Wessels in Langenargen am Institut für Seenforschung (ISF) tätig – inzwischen als stellvertretender Institutsleiter. In den mehr als drei Jahrzehnten, in den sich der Geologe mittlerweile mit dem Bodensee beschäftigt, sei das Interesse an wissenschaftlichen Erkenntnissen deutlich gewachsen. «Unsere Resultate fließen heute in die politische Gestaltung und in das Handeln der Verwaltung ein», erklärt der Forscher. Nichtsdestotrotz blieben seine Möglichkeiten, als Wissenschaftler Einfluss zu nehmen, begrenzt. «Da mache ich mir keine Illusionen.»
Martin Wessels bringt gute Voraussetzungen mit, um der Wissenschaft Gehör zu verschaffen. Er verfügt über die Gabe, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen. Sei es in öffentlichen Vorträgen, bei Lehrveranstaltungen oder bei Exkursionen für Politiker. Beeindruckend wie er bei Infomationsveranstaltungen auf dem ISF-Forschungsschiff «Kormoran» demonstriert, wie Sedimentkerne aus dem Seeboden geholt werden. Und wie er dann anhand dieser Kerne aufzeigt, wie sich an den unterschiedlichen Ablagerungen Hochwasserereignisse erkennen lassen – oder die Spuren, welche die Phase der hohen Nährstoffkonzentrationen des Sees im vergangenen Jahrhundert hinterlassen hat.
Der See reagiert auf Stressfaktoren
Mit Hilfe von Sedimentkernen lassen sich auch zum Klima viele Erkenntnisse gewinnen. «Vergangene Klimaänderungen im Bodensee – Lehren für die Zukunft» heißt darum das entsprechende Teilprojekt des von Wessels geleitete Forschungsvorhaben im Rahmen von «SeeWandel-Klima». Im Vordergrund steht dabei die Abfolge von Hochwasserereignissen während der letzten Jahrtausende.
«Wir wissen bereits viel darüber, wie der See auf die Stressfaktoren Klimawandel und Neobiota reagiert», erklärt Martin Wessels, «doch was sich konkret im See und bei seiner Nutzung verändern wird, bleibt unsicher.» Daher wollen der Geologe und sein Team ihre Erkenntnisse möglichst im Hinblick auf langfristige Entwicklungen nutzbar machen. «Das ist mir auch persönlich wichtig, da wir als Institut für Seenforschung bei vielen Planungsprozessen eingebunden sind.»